Kultur, Religion und GeschichteJedes Kapitel, jede Zeile, jedes Wort ein Aufschrei

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Handrij
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Jedes Kapitel, jede Zeile, jedes Wort ein Aufschrei

#1 Beitrag von Handrij » Freitag 15. Oktober 2010, 18:29

Im Frühjahr 1933 wurde das Ausmaß angestrebten Ausrottung des Bauerntums in der Ukraine sichtbar, die in einem Hunger-Genozid gipfelte. „Alles fliesst“ ist Wassili Grossmans literarisches Vermächtnis.

Mit Heugabeln schaufelten russische Umsiedler die Toten im Frühjahr aus den Hütten, ein Tuch vor dem Mund gegen den entsetzlichen Gestank. Beim Aufheben zerfielen die verwesten Leichen in Stücke. Monate zuvor hatten die vor Hunger Wahnsinnigen die bereits Verstorbenen zerlegt und gekocht, manche verzehrten die eigenen Kinder, dann sind auch sie dahingegangen. "Jeder Hungernde starb auf seine Weise. Wo Hass war, wurde schneller gestorben. Ach, und die Liebe, auch sie hatte niemanden gerettet."

Im Frühjahr 1933 wurde das Ausmaß der stalinistischen Kollektivierungspolitik und der damit angestrebten Ausrottung des Bauerntums in der Ukraine sichtbar, die in einem Hunger-Genozid gipfelte, dem bis zu zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ganze Dörfer verwandelten sich in Todeslager, aus denen es kein Entkommen gab. Die Armee hatte sie abgeriegelt, wer fliehen wollte, wurde erschossen. Dieser Massenmord markiert nicht nur einen weiteren Tiefpunkt in der Existenz des Menschen, sondern, daran lässt Wassili Grossman in seinem literarischen Vermächtnis keinen Zweifel, eben auch eine Möglichkeit dieser Existenz. "Alles fließt", panta rhei: Wer die Zeitenschrunden des letzten Jahrhunderts er- und überlebte, dem wurde diese Zeit zur Felsenlast, zur Steinhaube, in der er gefangen blieb.
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freedom
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Re: Jedes Kapitel, jede Zeile, jedes Wort ein Aufschrei

#2 Beitrag von freedom » Mittwoch 20. Oktober 2010, 14:34

Handrij hat geschrieben:
Im Frühjahr 1933 wurde das Ausmaß angestrebten Ausrottung des Bauerntums in der Ukraine sichtbar, die in einem Hunger-Genozid gipfelte...
Wie krank muss ein menschlicher Geist sein, das Leben anderer derart zu zerstören? Auf welch einem Bestienniveau müssen Soldaten sein, die dem Verhungern von wehrlosen Menschen zusehen und jeglichen Überlebenswillen brechen? Abscheulich, widerlich und unbegreiflich! Die Felsenlast obliegt nicht dem Buchautor sondern dem russischen Volk und dessen Regierung, denn sie tragen das Erbe ihrer Geschichte. Inwieweit diese sich wahrhaftig von den Greueltaten aus der Sowjetära distanzieren, vermag ich als Außenstehender nicht beurteilen, denn das können nur allein die Opfer (Ukrainer) selbst. Hat jemals ein aufrichtiger Versuch der Wiedergutmachung stattgefunden?

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