Berichte und ReisetippsReisebericht aus Kyiv aus dem Sommer

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Malcolmix
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Reisebericht aus Kyiv aus dem Sommer

#1 Beitrag von Malcolmix » Mittwoch 26. November 2014, 01:09

Ich nehme Alfreds Anregung dankend an und stelle hier mal meinen Reisebericht aus dem August 2014 online, den ich am 24. August innerhalb eines geschlossenen Onlineforums online gestellt habe, weshalb auch einiges sicherlich überholt ist. Übrigens habe ich direkt nach dem Abschicken des Berichts von der Offensive der Separatisten erfahren (so schnell kann ein Bericht also von den Realitäten eingeholt werden...). Nochmals Dank an toto66, der hier kurz vor dem 24. August über große Truppenbewegungen auf russischer Seite berichtet hat (als Bericht von seinen Verwandten). So wußte ich sofort beim Blick auf die Karte, was passiert war...

Eine weitere Anmerkung: Dieser Bericht wurde für Leute geschrieben, die noch nie in der Ukraine waren. Und er ist daher an einigen Stellen bewußt etwas klischeehaft verfaßt. Insbesondere weise ich ausdrücklich darauf hin, daß insbesondere Kapitel 7 und 8 nicht immer meiner Meinung entspricht. Das gilt insbesondere für die Formulierung "es gibt auch denkende Russen" sowie das Klischeebild des Russen, der immer Vodka trinkt. Das waren Formulierungen von Ukrainern, die ich genau so in den knapp zwei Wochen in der Ukraine vernommen habe.

Es entspricht überhaupt nicht meinem Bild von Menschen und Völkern, ihnen entsprechende Eigenarten zuzuschreiben. Ukrainer sind nebenbei bemerkt auch nicht unbedingt als Abstinenzler bekannt... Doch nun zum Bericht, der innerhalb von 4 Stunden in einem Rutsch verfaßt wurde. Auf Korrekturen habe ich bewußt verzichtet:


Auf in die Ukraine!

Mad Heads XL - Smereka


Wenn Kanzlerin Merkel nach Kyiv kommt, mußte ich natürlich schnell die Stadt verlassen. Vorher war ich 10 Tage in Kyiv. Da mich einige per Mail um einen Reisebericht gebeten haben, nutze ich dafür einfach das öffentliche Forum. Dies soll keinesfalls eine Diskussion über die politische Situation der Ukraine werden. Sehr wohl berichte ich aber über die Reaktionen der Ukrainer über die Ereignisse dieses Jahres. Ich beantworte gerne Fragen von euch, bitte euch aber, die sattsam bekannten Statements hier zu unterlassen. Die Mods bitte ich darum, Antworten mit Worten wie "Kiewer Junta", USA-finanzierte Revolution und "Mainstream-Medien" zu ahnden, damit es nicht so kommt wie in den ewig gleichen nervtötenden sonstigen Diskussionen.


1. Einwohnerzahl Kyiv

Die erste Frage ist die nach der Einwohnerzahl von Kyiv. Wenn man nicht weiß, welche Konversation man betreiben soll, so ist dieses immer ein guter Einstieg. Die Antworten fallen ein wenig unterschiedlich aus. Ich habe Zahlen zwischen 3,5 und 7 Millionen vernommen. Die 3,5 Millionen ist wohl die Zahl der Hausbesitzer, da nach meinen Infos nur diejenigen als Einwohner von Kyiv gelten, die eine Wohnung besitzen (incl. Familienangehörige). 1992 ging die Wohnung, in der man gerade gewohnt hat, in den Besitz des Bewohners über. 7 Millionen ist wohl die Zahl, die Eigentümer, Mieter sowie Illegale umfaßt. Bis zur schweren Wirtschaftskrise wurde an allen Ecken und Enden in Kyiv gebaut. Ich sah dort ein Mehrfaches an Baukränen wie in Berlin Anfang der 90er. Als ich vor einigen Jahren in einer Marshrutka von Kyiv aus weiter in Richtung Osten gefahren bin, fuhren wir durch ein Neubaugebiet für 500000 Menschen. Einer der Mitfahrer erzählte mir, daß er in diesem Stadtteil in den 80ern ein Crossrennen gewonnen habe. Schwer vorstellbar...

2. Verkehr in der Ukraine

Ein paar Sätze zum Verkehr in Kyiv. Wer in Paris, Rom und Athen erfolgreich durchgekommen ist, kann das nächste Level erreichen. Eine Autofahrt durch Kyiv. Wer ein tiefergelegtes PKW mit Spoiler besitzt, kann damit rechnen, sein Fahrzeug teilweise wieder in Richtung Heimat zurückzubringen, wenn er unfallfrei durchkommt. Generell sollte man es in der Ukraine nach einem Regen nicht ausprobieren, ob man mit dem PKW durch die Pfütze kommt. Man weiß nie, wie tief das Schlagloch ist. Eine solche Straße habe ich zwar nicht gesehen, aber...:

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(Bildunterschrift: Der Faschismus kommt nicht durch - Ukrainisches Straßenbauamt)

Eine mögliche Variante sind die Taxen, die durchaus günstig sind, wenn man nicht gerade die bereitgestellten Taxen vor dem Flughafen oder den teuren Hotels warten. Will man nicht sofort als deutscher Tourist auffallen, unterläßt man das Anschnallen. Die Anschnallpflicht scheint ein freundlicher Vorschlag der Rennleitung (so nennt man auch die Verkehrspolizei) zu sein. Meistens schnallt man sich nicht an. Falls doch, dann deshalb, weil die modernen PKWs immer so unangenehme Geräusche machen, wenn man nicht angeschnallt ist. Diese Fahrzeuge kann man daran erkennen, daß die Gurte hinter den Fahrersitz...

Wenn man eine Überlandfahrt mit einem Taxi macht, wünscht man sich wohl auch weniger, daß man den Gurt umgeschnallt hat. Eher schon die berühmte Brille von Zaphod Beeblebrox aus "Der Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams, die sich bei Gefahr schwarz verfärbt, so das man nichts mehr sieht. Was beim Einsteigen in ein ukrainisches Taxi durchaus sofort geschehen sollte. Wenn ein Taxifahrer hinter einem LKW fährt, hat er den unwiderstehlichen Drang, dieses Verkehrshindernis auch zu überholen. Sollte überraschenderweise Gegenverkehr kommen, fährt der Taxifahrer ganz links, damit der Gegenverkehr zwischen Taxi und dem LKW durchfahren kann.

Man könnte auf den Gedanken kommen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Eine Metro gibt es, jedoch ist das Liniennetz relativ kurz. Eine Straßenbahn gibt es auch, die teilweise auf eigenen Straßenbahnlinien fährt. Nur für sich allein. Theoretisch. Praktisch sieht man da auch öfters mal PKWs langfahren...

Eine Alternative sind Oberleitungsbusse, die man Trolleybus nennt:

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Die Fahrt kostet 1,50 Griven (zur Zeit ca. 9 Cent), beim Umsteigen zahlt man neu. Man sollte aber Zeit mitbringen, denn es ist das langsamste Transportmittel.

Die meistgenutzte Transportart sind die berühmten Marshrutkas (Sammeltaxen). Das sind Kleinbusse, die auf einer Strecke hin und herfahren. Sie halten an Haltestellen und auch zwischendurch, wenn einer die Hand rausstreckt und sie verbinden auch für günstiges Geld (6 Euro für 600km) die Städte miteinander.

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Ein Deutscher, der im Februar mal in Kyiv war, berichtete mir, er habe sich mal gewundert, warum eine Marshrutka plötzlich gebremst hat und direkt an einer zwei Meter hohen Schneewand hielt, die das Straßenende sein könnte. Es kam einer dann die Schneewand heruntergeklettert, um die Marshrutka zu besteigen. Daraufhin wollte er wissen, wie der Fahrer denn den Passagier sehen konnte. Bei der nächsten Fahrt setzte er sich auf den Platz neben den Fahrer. Kein guter Gedanke, wenn man die berühmte Brille von Zaphod nicht besitzt. Seitdem sitzt er immer hinter dem Fahrer, wo man nichts sehen kann...

Die Fahrt kostet zwischen 3 und 4 Griven (18-24 Cent) und man ist deutlich schneller am Ziel als mit dem Trolleybus. Wenn es der Stadtverkehr in Kyiv denn zuläßt. Das Geld gibt man entweder dem Fahrer oder den vor einem sitzenden Passagier, damit das Geld bis zum Fahrer durchgereicht wird. Für den Marshrutkafahrer ist genau wie für den Taxifahrer die Hupe neben dem Gaspedal das Wichtigste am Fahrzeug. Alles andere ist eher überflüssiges Zubehör.

Und wundert euch nicht, wenn nicht jedes Verkehrszeichen oder jede Ampel sinnvoll aufgestellt worden ist. Es ist ja nur als unverbindlicher Vorschlag der ukrainischen Verkehrsbehörde zu verstehen. Hier ist mir auch beim zweiten Blick der Sinn dieser Ampel nicht ganz klar geworden.

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Eine Straße befindet sich jedenfalls nicht hinter dem Tor.


3. Kleine Touristiktour durch Kyiv

Beginne ich die Tour am Denkmal auf dem Platz vor der Sophienkathedrale, auf dem am 23. August der Tag der Ukrainischen Flagge zelebriert wurde.

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Das Denkmal stellt den Gründer des ersten Kosakenstaates Hetman Bohdan Chmel'nyc'kyj dar

http://de.wikipedia.org/wiki/Bohdan_Chmelnyzkyj

Mittlerweile hat Bohdan sich einen slowakischen Spielerpaß besorgt[playerid=89401829]und spielt seit 30 Spielzeiten für die Black Panther United. In seiner glorreichen Vereinskarriere erzielte er gegen Boca JBA ein Tor[matchid=242389490]und konnte in der 2. Liga in einem Spiel als Torwart seinen Kasten erfolgreich sauber halten[matchid=274672431]. Von den Fans wird er seitdem liebevoll Stürmerstar und Torwartlegende genannt.

Zurück zum Bild und zu ernsthafteren Themen. Im Hintergrund ist das St. Michaelis Kloster zu erkennen. Einmal umdrehen und man sieht die Sophienkathedrale. Sie ist die zweitälteste ostslawische orthodoxe Kirche, mit derem Bau im 11. Jahrhundert begonnen wurde.

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Ein paar hundert Meter weiter befindet sich die berühmte Andreaskirche, die sich am Andreassteig befindet. In der Kirche sind Flaggen der Ukraine zu finden und es wird dort auch für die Armee gesammelt, die gegen die Separatisten kämpfen.

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In dieser Straße wohnen viele Künstler und am Straßenrand gibt es Verkaufsstände für Touristen mit entsprechenden Preisen. Die die Touristen als zivil empfunden werden dürften, während die Bevölkerung von Kyiv sich woanders versorgt. Wer mag, findet hier auch Devotionalien aus der Sowjet-Zeit und aus der braunen Besatzungszeit. Wer es mag...

Einer der bekanntesten Musiker des Landes hat hier ein Restaurant eröffnet. Oleg Skripka von der Rockgruppe Vopli Vidopliassova.

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Die Preise dort sind heftig. 85 Griven (5 Euro) für einen Teller Borshch, den man woanders auch für 13 Griven (85 Cent) bekommt. Dafür bietet die Speisekarte auch exotischere Leckereien wie z.B. Fasan. Für Ukrainer unerschwinglich, jedoch dürften die Kosten für den Bau des Restaurants auch nicht gerade günstig gewesen sein.

Vor der Andreaskirche gibt es ein berühmtes Denkmal über einen Friseur, der pleite ist und eine Ehefrau sucht. Er verspricht einer reichen und dummen sowie einer armen und gutaussehenden Frau die Ehe. Eine fürs Geld, eine für die Liebe. Diese Geschichte wurde Anfang der 60er mit dem Titel "Wer zwei Hasen hetzt" (За двумя зайцами) als Komödie verfilmt



Das Denkmal ist ein beliebter Platz für Ehepaare, die in der naheliegenden St. Andreas Kirche geheiratet haben.

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Doch nun langsam zur berühmtesten Straße, dem Chreschtschatyk, auf dem sich auch der Euromajdan befindet. Über den Majdan selbst gibt es weiter unten ein eigenes Kapitel. Der Chreschtschatyk ist einer der wenigen gelungenen Bauprojekte des Sozialistischen Realismus unter Stalin, den man auch Zuckerbäckerstil bzw. Stalingotik nennt.

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Bei genauerem Hinsehen kann man durchaus auch die eine oder andere ukrainische Flagge erkennen.

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Das solls nun mit der ersten Besichtigungstour durch Kyiv gewesen sein. Wer nun Hunger hat, dem sei dieses Restaurant empfohlen. Das Puzata Khata ist in einer Seitenstraße des Chreschtschatyk zu finden. Das noch aus der Sowjetzeit stammende Lokal ist eine berühmte Volksküche, in der man für wenig Geld gutes Essen bekommt. Jeder Kyiver kann euch den Weg zeigen. Es liegt hinter der Metrostation Chreschtschatyk.

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Beachtet auch den blaugelben Zaun. Der neue Volkssport in Kyiv. Ein oder zwei Studenten oder Schüler sammeln Geld, andere pinseln Zäune, Mauern und sogar Brücken über den breiten Dnjepr in den Nationalfarben blau und gelb an.

Wer noch mehr von Kyiv sehen will, kann gleich zum Kapitel Euromajdan wechseln. Hier ist einer der Zubringerwege.

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Punkt 4 entfällt. Das beschrieb ein Treffen mit anderen Online-Managern eines Managerspieles und dürfte hier keinen so richtig interessieren...

5. Meschyhirja (Межигір'я) - kleines bescheidenes Anwesen von Viktor Janukovich

Wer eine Reise nach Kyiv macht und die Revolution des Euromajdan verstehen will, sollte einen Ausflug nach Nowi Petriwzi machen, welches etwa 25km nördlich von Kyiv liegt. Die Besichtigung des Geländes ist für ukrainische Verhältnisse sehr teuer (150 Griven, knapp 9 Euro), die Besichtigung einiger Häuser kostet extra (die Honka - das Haupthaus zum Beispiel 200 Griven, knapp 12 Euro). Das Geld wird für den Unterhalt benötigt. Direkt nach dem Sturz Janukovichs und der Flucht nach Rußland wurde das Gelände zum "Volksmuseum der Korruption" erklärt. Viele Gebäude sind noch versiegelt, die Prüfung der Unterlagen dauert noch an.

Am Eingang wird man gefragt, ob man das Gelände mit einem Golfbuggy für drei Personen zu besichtigen wünscht. Wie alle anderen waren wir uns sicher, daß wir das Gelände zu Fuß besichtigen können.

Gleich nach dem früher gut bewachtem Eingang befindet sich auf der rechten Seite ein kleiner Tennisplatz mit Kunstrasen und hinter einem Teich das erste Gebäude, welches wohl administrative Zwecke gehabt haben könnte.

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Danach geht es zu einem Park mit vielen kleinen Seen und Springbrunnen sowie kleinen Holzhäuschen.

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Die Funktion der Holzhäuschen ist mir nicht klar. In den Teichen schwimmen zum Teil sehr große Fische. Vermutlich für den Fall, daß Janukovich nicht zu seinem eigentlichen Anglerplatz mit Grill und bescheidenem Speisesaal fahren wollte. Zwei weitere Impressionen zu den malerischen Gärten.

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Bei dem Pavillon beachte man das verwendete Material für den Fußboden. Damit man trockenen Fußes über all die kleinen Bächlein kommt, wurden am Teich zumeist Holzbrücken verwendet, um das Haupthaus aber auch Steinbrücken:

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Die "Honka" ist rechts im Hintergrund bereits zu erkennen. Einen besseren Blick bietet jedoch die Rückseite, um das Gebäude in seiner vollen Pracht zu bewundern.

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Aus Zeitgründen war es mir nicht möglich, in die Honka zu gehen. Eine Besichtigung dauert zwei Stunden. Aber ich habe extra noch einmal den alten Besitzer der Meschyhirja gebeten, für euch eine etwa siebenminütige kurze Besichtigung zu organisieren:



Wem auch das zuviel ist und gerade ein dringendes Bedürfnis empfindet, der mag gerne den Gang zur Toilette des Hausherren gehen. Dieses stille Örtchen war übrigens auch schon vor dem Euromajdan berühmt. Ein kleiner Blick gefällig:

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Und nein - das Klo wurde nicht golden angemalt. Dem ukrainischen Volk war der Präsident Janukovich lieb und teuer. Namentlich Letzteres. Und wenn er ein dringendes Bedürfnis verspürte, so sollte er es mit Stil erledigen können.

Der Ausblick von der Honka auf den Dnjepr ist übrigens auch nicht zu verachten, auch wenn dieser Ausblick 200m weiter westlich aufgenommen wurde:

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Verlassen wir nun die Honka und gehen in ein weiteres Gebäude, welches außerhalb der eigentlichen Anwesens liegt. Begeben wir uns nach harter Arbeit zum Clubhaus.

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Hat jeder alles parat? Dann auf zu einer Runde Golf, welches laut Kurt Tucholsky ein verdorbener Spaziergang ist.

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Das Golfspiel macht hungrig. Da ist es Zeit, einmal zu beschreiben, wie die Versorgung funktioniert. Dazu gibt es einen eigenen Obstgarten, in denen es Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen usw. gibt.

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Darüber hinaus findet man große Gewächshäuser für Südfrüchte, Blumen und Palmen. Da der Hausherr kein Vegetarier ist, muß auch noch die Fleischversorgung gesichert werden.

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Einer der Tierpfleger berichtete übrigens, daß er deutlich mehr Geld verdient habe, als Janukovich noch Präsident war. Trotzdem sei ihm die heutige Situation angenehmer, obwohl er kaum weiß, wie er die Tiere versorgen soll. Darum hängen auch an einigen Stellen Spendenboxen.

Da ein großer Staatsmann viele Neider hat und immer gefährlich lebt, gibt es auf dem Anwesen ein eigenes Labor. Lebensmittel, die von Janukovich verzehrt werden sollten, wurden dort vorher auf Gifte untersucht. Vermutlich hier:

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Bevor ich es vergesse - es gibt auch noch eine Garage.

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Man beachte den Eingang zur Garage. Angesichts der maroden Straßen dürfte Janukovich wohl nur selten eines der bereitgestellten Fahrzeuge genutzt haben. Hinter dem Präsidentenpalast und der Verchovna Rada am Abhang zum Dnjepr hat man daher auch eine Straße ganz allein für Janukovich errichtet. Dafür mußte die Aussichtsplattform aus Sicherheitsgründen gesperrt werden und die Straße für das gemeine Volk ein paar Meter unterhalb des Hubschrauberlandeplatzes gelegt. Selbstverständlich ist die Straße zum Landeplatz näher zum Dnjepr auf einer Brücke, damit der Präsident eine schöne Aussicht genießen kann.

Doch nun 100m bergab zum Dnjeprufer. Dort wartet ein kleiner Jachthafen, an dem gebetene Gäste empfangen werden können.

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Solltet ihr eure eigene Jacht im Hafen festmachen wollen, so seid ohne Sorge um eure Hände. Sie werden angesichts des verwendeten Edelstahls nicht schmutzig.

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Dort wartet ein stilvoller Speiseraum in Form eines 50m langen Schiffes namens Galeon.

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Leider gibts heute nix, aber einen kleinen Blick in den bescheidenen Speisesaal kann man schon riskieren.

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Wer möchte, kann aber gerne seine Angel hervorholen und für frischen Fisch sorgen.

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Zubereitet werden die frisch geangelten Fische in diesem Gebäude.

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Zum Bier wird in der Ukraine übrigens sehr gerne gesalzener Fisch gereicht. Am Anglerplatz befinden sich zwei Erfrischungskioske. Zum einen verkaufen die den Besuchern Getränke und Eis, zum anderen kann man von dort die Golfbuggys ordern, die man vorher leichtsinnigerweise nicht in Anspruch genommen hat. Bei 36 Grad im Schatten eine sehr mutige Idee. Der Fahrer meinte denn auch trocken, all diejenigen, die vorher die Fahrt mit dem Buggy ausgeschlagen hätten, würden ohnehin später anrufen. Die 20 Griven (1,20€) nahmen wir als Lehrgeld gerne in Kauf. Dennoch sollte man unbedingt den Fußmarsch wagen, um die Dimensionen dieses Geländes wirklich erfassen zu können. Sich die Handynummer eines Buggyfahrers geben zu lassen ist allerdings keine schlechte Idee.

Wer sich die Dimensionen des Anwesens noch nicht ganz vorzustellen vermag, dem möge ein kleiner 180-Grad-Schwenk einen kleinen Eindruck verschaffen.

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Auf der einen Seite kennzeichnet die ins Wasser ragende Pier das Ende, auf der anderen Seite im zweiten Bild die kaum noch wahrnehmbaren Gebäude, wo die Hundezucht von Janukovich untergebracht ist. Bis dahin wollten wir aber nun wirklich nicht mehr laufen...

In den Gesichtern der ukrainischen Besucher war zum Teil übrigens nackte Wut zu erkennen. Während der durchschnittliche Ukrainer mit 100€ im Monat (in Kyiv selbst eher 300€) auskommen muß, leistete sich der Präsident diesen Luxus. Im letzten Bild kann man auch erkennen, daß es keinen Strand gibt, aber einen kilometerlangen verzierten gußeisernen Zaun. Davor Sicherheitssysteme, welche aber nicht die einzige Barriere war.

Der Unterhalt Meschyhirjas kostete ungefähr 100000€ im Monat, welches sich Janukovich durch die Verchhovna Rada (ukrainisches Parlament) bewilligen ließ. Die Spezialeinheit Berkut (übersetzt Steinadler), die später auf dem Euromajdan ihr Unwesen trieb, bewachte das Anwesen. Fliegerabwehrsysteme sicherte das Leben Janukovichs.

Es war nicht die einzige Residenz von Janukovich. Er besaß eine weitere in der Westukraine und in seiner Heimat Donbass. Eine vierte Residenz wurde auf der Krim in der Nähe der Kap Aya gerade gebaut, konnte aber aufgrund der Revolution nicht mehr vollendet werden. Möglicherweise übernimmt dies Putin...

Ein mich begleitender Geschäftsmann aus Kyiv erzählte mir, wenn ein Geschäft in der Ukrainer erfolgreicher wurde, kamen Leute von Janukovich und verlangten ihren Anteil am Gewinn. Sagenhafte 95%. Auf diese Art soll Janukovich 85 Milliarden Dollar von seinem Volk erpreßt haben. Zum Vergleich - der Haushalt der Ukraine betrug 2011 26,8 Milliarden Euro.

Naheliegend, daß nun der nächste Punkt der Euromajdan ist.


6. Euromajdan

Vor zwei Wochen wurde nach der endgültigen Räumung der Zeltstadt des Euromajdan damit begonnen, die gut sichtbaren Schäden zu beseitigen. Die Räumung wurde veranlasst, da es immer mehr zu einem Sammelplatz Betrunkener wurde und die Sicherheit auf dem Majdan nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Der Majdan (ukrainisch für Platz) ist vorher als Platz der Unabhängigkeit bekannt gewesen. Es ist für die Politiker der gefürchteste Platz, da hier in den letzten 25 Jahren schon mindestens 5x Zeltstädte entstanden sind und das Volk sich gegen die Regierung und die Korruption im Lande Luft verschafft hat. Nach der Besetzung, die im November letzten Jahres begann, ist er auch als "Euromajdan" bekannt.

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Hier ein letzter Blick auf den wohl berühmtesten Weihnachtsbaum der Welt, aufgenommen am 14. August.

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Nadeln und Grün hat er natürlich nicht mehr. Damit ihr darauf nicht verzichten müßt, habe ich bewußt diese Perspektive gewählt. Wer genau hinschaut, erkennt aber noch Weihnachtskugeln und Lametta sowie Girlanden in den Bäumen. Anfangs hoffte Janukovich und die damalige Regierung ja noch, daß die Kälte die Demonstranten vertreiben würden. Das erwies sich als ein schwerwiegender Irrtum. Auch bei -32 Grad harrte man aus und es erwies sich, daß die grimmige Kälte der Verbündete der Demonstranten war. Simple Wassereimer sorgten für eine unüberwindbare Barriere für Räumungsversuche.

Die erste Begründung für den Räumungsversuch war eben jener Weihnachtsbaum. Die Demonstrationen sollten nicht die schöne Weihnachtsstimmung verderben... (in der Ukraine feiert man zunächst das Neujahrsfest, Weihnachten folgt in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar, das orthodoxe Neujahrsfest folgt eine Woche später)

Eine Detailansicht auf den Weihnachtsbaum im August zeigt, wie der zweckentfremdet werden kann.

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Dankenswerterweise wurde das Portrait der Oligarchin Julia Tymoshenko längst entfernt. Auf Nachfrage, was diese Dame außer Shopping denn sonst so mache, erhielt ich die Antwort, es sei beängstigend ruhig um die Frau geworden. Man befürchtet, sie schmiedet wieder irgendwelche Ränkespiele. Die 12% zeigen, daß Tymoshenko immer noch hartnäckige Anhänger hinter sich haßt, der große Rest haßt die Frau dafür intensiv. Man beschreibt sie als intelligenteste Politikerin der Ukraine, die jedoch nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist.

Zurück zum Weihnachtsbaum, der am 16. August demontiert wurde.

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Im Hintergrund ist das Hotel Ukraina zu erkennen, von dem durch das deutsche TV laufend über die Ereignisse um den 20. Februar berichtet wurde. Die letzten Barrikaden aus dieser Zeit waren am 14. August noch zu sehen. Die Straße, auf der diese Barrikaden zu sehen sind, wird im Volksmund Straße der Himmlischen Hundert genannt, weil dort im Februar die meisten Menschen ums Leben gekommen sind.

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Selbst an diesen Barrikaden wurden noch täglich Blumen gelegt. Ich habe mich 3x getraut, Ukrainer zu erzählen, daß viele Deutsche glauben, diese Revolution um den Euromajdan wären nur geschehen, weil sie von den USA finanziert wurden. Die Reaktionen waren jedesmal heftigst. Die harmloseste Antwort war, daß sie sich nicht vorstellen können, es gäbe in Deutschland so viele dumme Menschen, die auch der russischen Propaganda glauben würden. Es gab auch nicht den Forenregeln entsprechende Antworten mit einer Reihe von Kraftausdrücken garniert. Es gibt aber durchaus auch in der Ukraine Menschen, die diese Theorie vertreten, jedoch findet man sie fast nicht in Kyiv.

In diesem Zusammenhang ist die Reaktion von Deutschen interessant, die sowohl Moskau, als auch Kyiv gut kennen. Ein Pilot sagte mir mal, in Moskau hätte man das Gefühl, in eine Stadt mit verschlossenen Menschen zu kommen, während Kyiv den Eindruck einer sehr weltoffenen und europäischen Stadt macht. Ein deutsches Ehepaar, welches in Kyiv wohnt und sich Ende der 70er dort während des Studiums kennengelernt hat, bestätigt diesen Eindruck. Während sie in Kyiv viele Freunde gefunden haben, haben sie in den zwei Jahren, in denen sie um 2010 in Moskau gewohnt haben, nur Bekannte gehabt. Wer mir nicht glaubt, möge einfach mal einen Urlaub in beiden Städten machen und sich selbst überzeugen.

Zurück zur Instituts'ka av., die Straße der Himmlischen 100. Mir persönlich liegt diese Art der Heldenverehrung nicht unbedingt, aber der Einfluß der Orthodoxen Kirche macht sich hier deutlich bemerkbar.

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Die Bilder der Getöteten findet man nicht nur an der Brücke über der Straße, die zum Hotel Ukraina führt.

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Hier kann man ein Einschußloch der von den ukrainischen Sicherheitskräften laut offizieller Stellungnahme verwendeten "Gummigeschosse" erkennen.

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Die Kraft des "Gummigeschosses" reichte jedenfalls aus, den dahinter befindlichen Demonstranten zu töten. Am Wegesrand sind an jedem Baum Bilder von Erschossenen mit Gedichten und Berichten zu sehen. An jedem Baum findet man Blumen, die Passanten niederlegen oder an den Bildern befestigen.

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Weiter oberhalb ist noch eine Stellung mit Zeltunterkunft aus dem Februar zu besichtigen.

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Ein Kreuz und Bilder der Getöteten dient den Ukrainern als Gedenkstädte, die auch reichhaltig genutzt wird. So richtig klar ist es noch nicht, wie man dem Verlangen nach der Bevölkerung nach einer Gedenkstätte Rechnung trägt. Einen ersten Eindruck kann man in diesem Bild erahnen.

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Die Bevölkerung in Kyiv, die ein Auto besitzt, verlangt die Öffnung der Straße für den Autoverkehr, daß die Instituts'ka av. eine wichtige Verbindungsstraße darstellt, die seit Dezember letzten Jahres nicht mehr genutzt werden kann. Eine behelfsmäßige Kirche und ein Zelt wurde auf einem freien Platz neben der Straße aufgestellt. Soweit ich gehört habe, soll ein Revolutionsmuseum und eine Kirche eingerichtet werden.

Wer die Frage nach den Schuldigen stellt (auch für Odessa), dem seien die Ergebnisse der Beobachtermission der UN-Menschenrechtskommissarin, die in ihrem Bericht vom 15. Juni zusammengefasst sind, empfohlen:

http://www.ohchr.org/Documents/Countries/UA/H...4.pdf

In der Nähe der Shevchenko av. (vgl. Kapitel 2) steht übrigens die niederländische Botschaft, vor der sichtbar den vielen Kindern gedacht wird, die am 17. Juli bei dem Absturz der MH017 ums Leben kamen.

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Vermutlich muß ich nicht betonen, daß für die Kyiver klar ist, wer der Schuldige für den Abschuß war. Ich möchte selbst kein abschließendes Urteil vor dem endgültigen Untersuchungsbericht geben, aber meine Position habe ich in einem mittlerweile geschlossenen Thread verdeutlicht. Beweise gibt es aber natürlich noch nicht, Verschwörungstheorien aber schon. Und die werden bleiben, auch wenns Beweise gibt.


7. Ausstellung von Karikaturen in der Nähe des Euromajdans und politische Statements von Ukrainern

In diesem Kapitel fasse ich geäußerte Meinungen von Ukrainern zusammen und garniere sie mit Karikaturen von Oleh Smal.

Weiter oben habe ich schon ausgeführt, daß die Ukrainer in der breiten Mehrheit nicht mehr gewillt sind, sich von wenigen ausplündern zu lassen. Im Moment steht aber dank der aus Rußland zu vernehmenden aggressiven Töne der Kampf um die Einheit des Landes im Vordergrund. Wer einen Eindruck haben will, sehe sich dieses Video mit Alexander Dugin an , der als Professor bis vor kurzem an der Lomonossov-Universität in Moskau lehren durfte, bevor 15000 Unterschriften einer Petition dafür sorgten, daß sein Vertrag nicht verlängert wird. Ja - auch in Moskau gibts denkende Menschen. Das könnte Hoffnung machen. Die meisten Russen (laut Umfrage vor etwa 7 Jahren 80%) sagen, ein ukrainisches Volk gebe es nicht. Und nicht wenige unterstützen die Freiwilligen, die als Separatisten im Donbass kämpfen http://www.deutschlandfunk.de/russland- ... _id=295255

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Die Separatisten und ihre Kämpfe sind es auch, die zur Zeit noch verhindern, daß die Ukrainer sich auf den längst überfälligen Kampf gegen die Korruption im eigenen Lande konzentrieren können. Friedensverhandlungen mit den Separatisten sind aussichtslos und würden jede ukrainische Regierung sofort zu Fall bringen, wenn es zu Kompromissen mit den Separatisten kommt. Es gibt keinen Kompromiss. Waffenstillstände wurden zumeist nicht eingehalten, was auch daran liegt, daß die Separatisten keine homogene Masse sind. Darunter sind kriminelle Banden ebenso zu finden wie Angehörige faschistischer Verbände aus Rußland.

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Den Anteil an Ukrainern unter den Separatisten würde ich wenns hoch kommt auf 25% schätzen, darunter auch ehemalige Angehörige der Berkut.

Hoffnungen auf Vertragstreue Russlands gegenüber der Ukraine macht man sich nicht. Das war 1994 noch anders, als man im Budapester Memorandum http://de.wikipedia.org/wiki/Budapester_Memorandum auf Atomwaffen verzichtet hat und im Gegenzug von Rußland, Großbritannien und den USA das Versprechen der territorialen Integrität erhalten hat.

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Fast niemand würde einem weiteren Friedensvertrag mit Rußland trauen. Man rechnet damit, daß aus Rußland noch jahrelang Terroristen ins Land kommen werden. Die russische Führung scheint ein elementares Interesse daran zu haben, daß das demokratische Experiment in der Ukraine fatal scheitert. Es geht den Ukrainern nicht um einen Beitritt zur NATO. Noch ist die Mehrheit dagegen, aber es werden immer mehr Stimmen laut, die das fordern, da man sonst keine Garantien auf die Unverletzlichkeit der eigenen Grenzen gegenüber Russland bekommen wird.

Der Politclown Vladimir Volforovich Shirinovski, dessen berühmtester Videoauftritt hier zu bewundern ist



(mit deutschen Untertiteln), hat jüngst einen Vorschlag zur Beilegung der Krise gemacht. Bis Kyiv und Odessa bekommt Russland die Ukraine, weil das eh Rußland ist. Den Rest soll Polen erhalten.

Die EU kann nicht viel anders als hilflos angesichts des in den letzten Jahren erstarkenden russischen Imperialismus agieren, da sie keine militärische Macht besitzt [das ist jetzt meine eigene Ansicht]. Höchst erstaunt war ich gestern Abend über die Berichterstattung im deutschen TV über den Merkel-Besuch in Kyiv. Die Ukrainer seien dankbar, daß Merkel kommt und sich um sie kümmert. Die Bevölkerung denkt anders.

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Als Merkel während des WM-Endspiels mit Putin so schön geflirtet hat und dies von den Kameras eingefangen wurde, brach Merkels Facebookauftritt angesichts der zahlreichen Einträge "Frau Putler" und "Frau Ribbentrop" zusammen. Amüsant fand ich eine Beschreibung einer Ukrainerin über Merkel. Sie sei wie eine Prostituierte, die sich dort hinlegt, wo es die meisten Gewinne verspricht, ziere sich danach aber wie eine Jungfrau. Gut - die Ukraine hat finanziell zur Zeit wenig anzubieten. Und wir Deutschen haben ja schon Angst um unser Geld, wenn ein paar Euros bedroht sind.

Einen großen Vorwurf in Deutschland hört man, die Ukrainer haben den Kompromiss, den Steinmeier mit den polnischen und französischen Außenministern sowie in Absprache mit dem russischen Außenminister Lavrov zusammen mit Klichko, Jazeniuk, Tjanibok und dem damaligen Präsidenten Janukovich ausgehandelt haben, brüsk abgelehnt. Das ist richtig. Warum das der Rat des Euromajdans getan hat, kann man weiter oben nachlesen. Oder würdet ihr einen Präsidenten für zehn weitere Monate im Amt dulden, damit er ausreichend Zeit hat, Spuren und Geld zu beseitigen?

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Ein weiterer Vorwurf ist es, in der Übergangsregierung seien Faschisten beteiligt. Ebenso an der Revolution. Oder weitergehend - alle, die für die Revolution sind, seien Banderisten, was für Putin-Anhänger gleichbedeutend mit Faschisten ist.

Svoboda und ihre Beteiligung an der Regierung. Dritter Vize-Ministerpräsident, Minister für Ökologie und natürliche Ressourcen sowie Minister für Agrarpolitik und Lebensmittel sind natürlich sehr bedeutsame Posten... Dann war da noch der Verteidigungsminister Ihor Tenjuch für 28 Tage. Nur: Er wurde von Svoboda vorgeschlagen und wird deshalb überall als Mitglied der Partei gezählt. Nach meinen Infos dürfen Angehörige der ukrainischen Armee keine Mitglieder irgendeiner Partei sein. Zudem ist die Bindung eines Politikers zu einer Partei in der Ukraine nicht unbedingt übermäßig groß zu nennen.

Oleh Tjahnybok (Svoboda) und Dmytro Jarosch (Pravij Sektor) erhielten mit 1,16 bzw. 0,7% zusammen weniger Stimmen wie der Jude Vadym Rabinovych (2,2%). Poroshenko und Jazeniuk haben übrigens beide z.T. jüdische Eltern- bzw. Großelternteile. Irgendwie stelle ich mir ein antisemitisch/faschistisch geprägtes Land anders vor...

Zwei Dinge gibts zudem noch zu sagen. Zum einen hat es mit dem Euromajdan eine merkwürdige Entwicklung der Rechten gegeben. Svoboda hatte schon seit 2011 eine Entwicklung weg vom Faschismus und Antisemitismus genommen, leistet sich aber dennoch einen als Antisemiten bekannten Tjanibok als Vorsitzenden. Das ist so ein typischer Widerspruch in der Ukraine, der es Außenstehenden so verdammt schwer macht, die dortige Politik zu verstehen. Und seit dem Majdan ist irgendwie auch die Rechte abgetaucht. Selbst bei Pravij Sektor. Der ganz große Vorteil beider Parteien kann aber noch zum Tragen kommen. Im Gegensatz zu allen anderen Parteien sind sie nahezu frei von Korruptionsskandalen. Und sie stellen zum Teil sehr harte Anträge gegen Korruption. Wenige Ukrainer wollen sie wirklich an der Regierung sehen, wünschen aber sehr wohl ihre Oppositionsarbeit.

Meine persönliche Ansicht: Ihr könnt einem St. Pauli-Fan glauben, daß er auch keinen Bock auf Faschos hat. Aber die stehen eher im Osten... Trotzdem sind mir Svoboda und Pravij Sektor unsympathisch und suspekt. Keine Frage. Ziel der aggressiven Politik Russlands ist es indirekt, diese beiden Fraktionen zu stärken, um ein geeignetes Feindbild zu besitzen. Und selbst in Form der Putin-Trucker-PR-Show als weißer Retter auftauchen zu können. Um die 280 weiße LKWs, die spektakulär von Moskau aus mit großem Getöse durchs Land fahren und von anderen Dingen wie Nachschublieferungen für Separatisten ablenken sollen. Natürlich waren keine Waffen wie befürchtet in den LKWs. Das ist in einer PR-Aktion auch nicht nötig. Okay - die meisten LKWs waren peinlicherweise maximal halbvoll beladen, was der Kreml dadurch erklärt hat, neue LKWs dürfe man nicht voll beladen... Eine weitere Erklärung war, bleibt mal ein LKW liegen, müsse man nur kurz umladen. Die kennen wohl ihre Straßen...

Und da gab es noch den Oligarchen Rinat Achmetov, dem Besitzer von 13 Milliarden Dollar, einer Partei namens Partei der Regionen und König des Donbass. Der sitzt gerade zwischen allen Stühlen. Zwar sorgen Schutzgeldzahlungen an die Separatisten dafür, daß seine industriellen Besitztümer von Zerstörung verschont geblieben sind. Okay - als in der Ukraine in den Nachrichten genau darüber berichtet wurde und man eine Untersuchung ankündigte, flog einer seiner Züge in die Luft...

Übrigens ein ganz interessantes Detail: In einer Diskussion um die Sicherheit der Kohlenschächte rund um Donezk, die dem Oligarchen Rinat Achmetov (geschätztes Vermögen 2013 so um die 14 Mia. €) gehören, sagte eine Frau aus Luhansk, Kiev sollte gefälligst Subventionen geben, wenn sie sicherere Schächte wünschen. Achmetov habe keine Pflicht dazu. Er habe sein Geld redlich verdient. Da packt man sich angesichts des Homo Sovjeticus an den Kopf... Und so funktioniert Korruption in der Sowjetunion auch schon zur Stalinzeit, ganz besonders jedoch in der Breshnev-Ära. Der Russe, mit ausreichend Vodka, Gurken und Speck versorgt, kennt sich mit dieser Form von Korruption bestens aus und weiß damit zu leben.

Bild

Die Ukrainer wollen das nicht mehr. Das ist der Grund für den Euromajdan. Nichts anderes.


8. Abschluß

Ich hoffe, den Bericht hat bis hierhin tatsächlich einer komplett gelesen. Ihr müßt nicht mit allem einverstanden sein. Es ist natürlich auch nur ein Bericht über eine Reise nach Kyiv, die nur selektiv sein kann. Aber auf dem Euromajdan diskutieren die Menschen bis heute die angesprochenen Themen. Ich wünsche den Ukrainern sichere Grenzen, ein Ende des Krieges und danach ein Leben mit deutlich weniger Korruption.

Es gibt scheinbar auch in Moskau Menschen, die dieses wünschen:

http://www.nzz.ch/international/moskaue ... 1.18366890

Was mir besonders lieb wäre, wenn ich irgendjemanden neugierig gemacht habe und dieser sich selbst aufmachen würde, um eigene Erfahrungen in der Ukraine zu machen.

Einen kleinen Nachsatz gab es noch:

Homo Sovjeticus. Dazu hatte ich das Bild im Kopf, welches aus diesem Song von der sehr bekannten russischen Band namens Kino und dem 1987 bei einem Autounfall verstorbenen Sänger Viktor Zoj:

Kino - Elektrichka (1982)



Text mit englischer Übersetzung: http://russmus.net/song/7256

Einer meiner Lieblingssongs. Eine Elektrichka ist ein Vorortzug. Und Zoj singt davon, daß er das Gefühl hat, dieser Zug fährt in eine Richtung, wohin er nicht will und er kann nichts ändern. Das Gefühl vermittelt sich, alles ist monoton und nicht so richtig eindeutig. Und an dem Tag, an dem ich den Song das erste Mal hörte, erzählte mir ein Moskauer von diesem Song sowie von einem Lied von Nautilus Pompilius, in dem ein armer Russe zu Gott betet, daß er arm bleiben möge. Und nicht noch ärmer wird. Um zu demonstrieren, was er damit meinte, erzählte er von einem Bekannten, der im Winter am frühen Morgen in sein Auto stieg und die Scheibenwaschanlage bedienen wollte. Sie funktionierte nicht, weil ein Alkoholiker darauf gewartet hat, daß einer vor dem Losfahren die Scheibenwaschanlage bedient, um an Alkohol heranzukommen. Er hat seinen Kopf drübergehalten und das Zeug gesoffen.

Diese Bilder hatte ich im Kopf. Die haben auch viele Ukrainer über die gemeinsame Zeit am Ende der Sowjetunion im Hinterkopf. Der Ukrainer unterscheidet weniger ethisch, als mit den Bildern aus der Vergangenheit.

Es ist schwer zu erklären, was sich da für Bilder im Kopf entwickeln. Ich habe die Zeit in der Sowjetunion nicht erlebt, sondern kann die Stimmung, die z.B. Kino besingt, nur aus der DDR nachvollziehen. So ab Mitte der 80er war das Gefühl vieler DDR-Bürger sicherlich ähnlich.

Ich weiß nicht mehr, welcher Song von Nautilus Pompilius es war. Diese russische Band will ich euch auf alle Fälle auch vorstellen.

Nautilus Pompilius - Skovannye



Als Nachschub noch eine Mail vom 18. August vom Auswärtigen Amt. Dieses rät allen deutschen Ukraine-Reisenden, sich auf deren Internetseite zu registrieren. Gelesen habe ich sie aber auch erst am 24. August...:

"In Kiew ist es nach den Unruhen im Februar 2014 zu einem Ende der Gewalt gekommen. Ein Wiederaufflammen der Unruhen in Kiew und anderen Städten infolge politischer Entwicklungen kann jedoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Besondere Vorsicht sollte am und um den Unabhängigkeitsplatz (Maidan) gelten."

Aktualisierung Reise- und Sicherheitshinweise Ukraine vom Auswärtigen Amt

Ich weiß nicht, was das Auswärtige Amt veranlaßt, eine solche Mail zu schreiben. Nun gut...


Na - ist einer bis zum Ende gekommen? Gerne nehme ich Korrekturen entgegen. Und ich weiß, daß ich den meisten hier über die Ukraine nicht viel Neues erzählt habe. Dem einen oder anderen vielleicht aber doch.

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