Allgemeines Diskussionsforum | Ukrainisierung von Namen

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UkraineInteressierter
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Ukrainisierung von Namen

#1 Beitragvon UkraineInteressierter » Montag 7. Januar 2013, 18:55

Eine der seltsamsten Gewohnheiten in der unabhängigen Ukraine ist für mich die "Ukrainisierung" von Namen. Konsequent wird jeder Vorname ins Ukrainische "übersetzt" (insbesondere wenn er slawischen Ursprungs ist), auch wenn der Betreffende sich überhaupt nicht so nennt. Mein Vater heißt beispielsweise eigentlich Wladimir, mein Großvater Sergei. Zwangsweise steht in ihren Pässen aber Wolodymyr und Serhij. Beide nennen sich aber nie so, zu diesen Namen haben sie keinerlei Bezug. Gewissermaßen sind sie 1991 vom Staat "umbenannt" worden.
Ich habe gesehen, dass die ukrainischsprachige Wikipedia sogar Namen von Personen, die absolut überhaupt keine Verbindung zur Ukraine hatten, ukrainisiert. Lenin steht dort beispielsweise als Wolodymyr Lenin drin, und aus Alexander Puschkin haben sie einen Olexander Puschkin gemacht, es gibt dort sogar einen Dmytro Medwedew.

Was ist die Motivation dahinter? Wieso wird das gemacht, selbst bei Personen die vermutlich nie einen Fuß in die Ukraine gesetzt haben? Ich meine, in Deutschland würde niemand auf den Gedanken kommen, ein Frederick getauftes Kind offiziell in Friedrich umzubenennen, insbesondere wenn es nicht Friedrich heißen will.

Btw: Könnte man - zumindest theoretisch - durchsetzen, dass die ukrainischsprachige Version des eigenen Namens im ukrainischen Pass ersetzt wird durch z.B. die russischsprachige Version? Ich bin leider kein ukrainischer Staatsbürger (mehr) und lebe in Deutschland, deswegen habe ich da keine Ahnung.

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Handrij
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Re: Ukrainisierung von Namen

#2 Beitragvon Handrij » Donnerstag 10. Januar 2013, 10:35

UkraineInteressierter hat geschrieben:Was ist die Motivation dahinter? Wieso wird das gemacht, selbst bei Personen die vermutlich nie einen Fuß in die Ukraine gesetzt haben? Ich meine, in Deutschland würde niemand auf den Gedanken kommen, ein Frederick getauftes Kind offiziell in Friedrich umzubenennen, insbesondere wenn es nicht Friedrich heißen will.

Es geht um die Vereinheitlichung der Namen innerhalb eines Staatsgebietes. Das hat fast jeder Staat in seiner Entwicklung mal durchgemacht. In den jetzt zu Deutschland gehörenden Gebieten versuchte man die slawischen "Elemente" durch Verdeutschung auszumerzen. Gelungen ist es nicht .... insofern ist es kein Sonderfall.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie das Sowjetzeiten war, aber IMHO wurde dort in den Pass ausschließlich die russische Variante eingetragen. Man kann es als Unterdrückungsmaßnahme auffassen aber auch einfach als bürokratische Maßnahme. Es muss einen Standard geben, damit das Bedürfnis des Staates einen jeden und jedes zu erfassen befriedigt wird.
Inzwischen ist das durch die Vergabe von lebenslangen Nummern bei Steuer usw. wohl nicht mehr ganz so notwendig.

UkraineInteressierter hat geschrieben:Btw: Könnte man - zumindest theoretisch - durchsetzen, dass die ukrainischsprachige Version des eigenen Namens im ukrainischen Pass ersetzt wird durch z.B. die russischsprachige Version? Ich bin leider kein ukrainischer Staatsbürger (mehr) und lebe in Deutschland, deswegen habe ich da keine Ahnung.

Das ist ein Punkt des umstrittenen Sprachgesetzes gewesen. Du kannst jetzt in deinen Pass die Variante einer der anerkannten Minderheiten bzw. der anerkannten Regionalsprachen eintragen lassen.
Regionalsprachen sind derzeit Russisch, Ungarisch und Rumänisch von Krimtatarisch hab ich noch nichts mitbekommen.
Anerkannte Minderheitensprache sind:
Russisch, Weißrussisch, Bulgarisch, Armenisch, Gagausisch, Jidisch, Krimtatarisch, Moldawisch, Deutsch, Neugriechisch, Polnisch, Roma, Rumänisch, Slowakisch, Ungarisch, Russinisch, Karaimisch, Krimtschakisch

Стаття 13. Мова документів, що посвідчують особу або відомості про неї

1. Паспорт громадянина України або документ, що його заміняє, і відомості про його власника, що вносяться до нього, виконуються державною мовою і поруч, за вибором громадянина, однією з регіональних мов або мов меншин України. Дія цього положення поширюється й на інші офіційні документи, що посвідчують особу громадянина України або відомості про неї (записи актів громадянського стану і документи, що видаються органами реєстрації актів громадянського стану, документ про освіту, трудова книжка, військовий квиток та інші офіційні документи), а також документи, що посвідчують особу іноземця або особу без громадянства, у разі наявності письмової заяви особи.

2. Документ про освіту, отриману в навчальному закладі з навчанням регіональною мовою, за заявою особи виконується двома мовами - державною і поруч відповідною регіональною.

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Re: Ukrainisierung von Namen

#3 Beitragvon UkraineInteressierter » Donnerstag 10. Januar 2013, 17:35

Erstmal danke für deine Antwort Handrij!

Es geht um die Vereinheitlichung der Namen innerhalb eines Staatsgebietes. Das hat fast jeder Staat in seiner Entwicklung mal durchgemacht. In den jetzt zu Deutschland gehörenden Gebieten versuchte man die slawischen "Elemente" durch Verdeutschung auszumerzen. Gelungen ist es nicht .... insofern ist es kein Sonderfall.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie das Sowjetzeiten war, aber IMHO wurde dort in den Pass ausschließlich die russische Variante eingetragen. Man kann es als Unterdrückungsmaßnahme auffassen aber auch einfach als bürokratische Maßnahme. Es muss einen Standard geben, damit das Bedürfnis des Staates einen jeden und jedes zu erfassen befriedigt wird.


Wie das in der Sowjetunion gehandhabt wurde, weiß ich aber leider auch nicht.

Eigentlich bin da auch deiner Meinung, aber muss man wirklich Namen standardisieren? Ich meine, solange die Menschen das freiwillig tun ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn man den Namen an die Orthografie des Landes anpasst, halte ich das auch noch für vertretbar. Aber zwangsweise den Namen komplett zu ukrainisieren?

Und ich wage zu behaupten, dass in Deutschland, wo es keine zwingende Standardisierung/Eindeutschung von Namen gibt, die Verwaltung trotz allem besser funktioniert als in der Ukraine.

Insbesondere, da diese Standardisierung ja in zirka 95% der Fälle russische Namen betrifft, kann man da schon einen gewissen politischen Hintergrund erkennen. Ich weiß in einem definitiv bestätigten Fall, dass bei einem Bekannten aus Sakarpattja schon 2005 in seinem Pass "Шандор" stand. Dies wiederum ist die kyrillische Schreibweise des ungarischen Namens Sándor. Und Sándor bedeutet Alexander. Sándor hat man aber eben nicht übersetzt/ukrainisiert, sehr wohl aber wurde der bei Russischsprachigen häufig anzutreffende Name Alexander zwangsweise zu Olexander.

Das ist ein Punkt des umstrittenen Sprachgesetzes gewesen. Du kannst jetzt in deinen Pass die Variante einer der anerkannten Minderheiten bzw. der anerkannten Regionalsprachen eintragen lassen.

Ein weiterer Punkt wieso ich das KK-Gesetz im Prinzip sehr gut finde. Da werden mir jetzt bestimmt einige widersprechen, aber jeder hat eben seine eigene Meinung. :)

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Re: Ukrainisierung von Namen

#4 Beitragvon Handrij » Donnerstag 10. Januar 2013, 17:44

UkraineInteressierter hat geschrieben:Eigentlich bin da auch deiner Meinung, aber muss man wirklich Namen standardisieren? Ich meine, solange die Menschen das freiwillig tun ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn man den Namen an die Orthografie des Landes anpasst, halte ich das auch noch für vertretbar. Aber zwangsweise den Namen komplett zu ukrainisieren?


Liest du ab und zu auch russischsprachige Zeitungen aus der Ukraine bzw. schaust du russischsprachige Sendungen?
Generell werden alle ukrainischen Namen in der russischen Form angegeben. Das ist gewissermaßen ein Standard, der aber nicht bei anderen Sprachen angewendet wird. Vermutlich rührt er aus der Russifizierungsphase und die Ukrainisierung, zwangsweise oder nicht, ist nur die Retourkutsche.


UkraineInteressierter hat geschrieben:Ein weiterer Punkt wieso ich das KK-Gesetz im Prinzip sehr gut finde. Da werden mir jetzt bestimmt einige widersprechen, aber jeder hat eben seine eigene Meinung. :)

Ich sehe in dem Gesetz nicht den Weltuntergang, aber Donezker Beamte haben jetzt noch weniger Anreize Ukrainisch zu lernen. Mal abgesehen von der Finanzierung der ganzen Maßnahmen, aber das hatten wir schon ...
kiwalow-kolesnitschenko-sprachgesetz-ukrainische-t13546.html

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Re: Ukrainisierung von Namen

#5 Beitragvon UkraineInteressierter » Donnerstag 10. Januar 2013, 18:20

Liest du ab und zu auch russischsprachige Zeitungen aus der Ukraine bzw. schaust du russischsprachige Sendungen?
Generell werden alle ukrainischen Namen in der russischen Form angegeben. Das ist gewissermaßen ein Standard, der aber nicht bei anderen Sprachen angewendet wird. Vermutlich rührt er aus der Russifizierungsphase und die Ukrainisierung, zwangsweise oder nicht, ist nur die Retourkutsche.


Gelegentlich, ja, wenn auch nur online. Die Webseiten von Segodnja und Korrespondent lese ich recht ab und zu.

Wenn man den Namen eines Westukrainers "russifiziert" ist das der selbe Quatsch, nur mit anderem Vorzeichen. Ich will diese Praxis nicht gut heißen - allgemein finde ich das aber noch eher nachvollziehbarer, als die umgekehrte Variante. Viele Ukrainer haben einen Bezug zur russischen Sprache, so gut wie kein Russe hat aber eine Beziehung zur ukrainischen Sprache. Bei Dmytro Medwedew kann ich nur den Kopf schütteln. Das soll nicht bedeuten, dass ich eine generelle Russifizierung von Namen gut finde!

Es wird wohl noch lange dauern, bis sich die Lage soweit entspannt hat, dass ich in einer russischen Zeitung ukrainische Namen lese, und in einer ukrainischen Publikation der russische Name (ob ich das noch erlebe?).

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Re: Ukrainisierung von Namen

#6 Beitragvon mbert » Donnerstag 10. Januar 2013, 18:26

UkraineInteressierter hat geschrieben:Ich will diese Praxis nicht gut heißen - allgemein finde ich das aber noch eher nachvollziehbarer, als die umgekehrte Variante. Viele Ukrainer haben einen Bezug zur russischen Sprache, so gut wie kein Russe hat aber eine Beziehung zur ukrainischen Sprache.

Ich will sie auch nicht gutheißen, aber bei Deinem "Nachvollziehbarkeits-Argument" möchte ich nun doch widersprechen. In einer unabhängigen Ukraine sollte es nachvollziehbar sein, dass im Zweifelsfall die ukrainische Sprache Priorität hat. Die Ukraine ist schließlich nicht Russland (und Russland ist nicht Rus).
Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken!

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Re: Ukrainisierung von Namen

#7 Beitragvon UkraineInteressierter » Donnerstag 10. Januar 2013, 18:59

Naja, wenn man jetzt z.B. die Fußballspieler Schewtschenko oder Woronin jetzt Andrei statt Andrij nennt - halte ich das persönlich für nachvollziehbar - schließlich bezeichnen sich beide ja auch so.
Wenn man jetzt statt Oleh Tjahnybok die Form Oleg Tjagnibok schreibt (mir fällt grad kein anderes Beispiel ein) ist das totaler Quatsch, der selbe Mist wie wenn man von Wolodymyr Lenin spricht.

Das zeigt meiner Meinung nach wie wichtig es ist, eine Standardisierung von Namen eben nicht durchzuführen. Wenn ein Ukrainer bewusst nur die ukrainische Namensform in seinem Pass verwendet, gibt es auch keinen Grund, diese nicht zu verwenden. So kann man immer sagen, "Ach, Wolodymyr heißt der doch bloß laut seinem Pass".

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