Kultur, Religion und Geschichte | Völkermörder Stalin?

Forum für Hinweise auf Beiträge (Artikel, Videos ...) in in- und ausländischen Onlinemedien zur Kultur, Religion und Geschichte der Ukraine
Forumsregeln
Bitte keine Vollzitate aus Zeitungen, außer wenn diese es ausdrücklich gestatten. Zudem achtet bitte auf die Seriösität der Quelle. Keine Verschwörungs- oder Hassseiten!

Bei Links mit unüblichen Zeichen (z.B. []) bitte einen Linkkürzer wie Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ... oder Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ... nutzen ....
Denkt bitte an korrektes Zitieren, um die Lesbarkeit zu erhöhen.
Format: [quote="name"] Zitat [/quote]. Näheres hier: zitierfunktion-t295.html

Videos werden in der Regel automatisch eingebunden. Falls nicht bitte den media-Tag versuchen. Format:
[media] Link [/media].
Näheres hier: videoeinbindung-t308.html
Nachricht
Autor
Benutzeravatar
Handrij
Ukraine-Kenner / досвідчений / опытный
Beiträge: 8504
Registriert: Freitag 27. März 2009, 21:22
Wohnort: Kiew/Kyjiw
    unknown unknown
Bildschirmauflösung: 1920x1080
Hat sich bedankt: 181 Mal
Danksagung erhalten: 1755 Mal
Ukraine

Völkermörder Stalin?

#1 Beitragvon Handrij » Samstag 22. Januar 2011, 13:57

Norman Naimark plädiert dafür, die sowjetischen Massenmorde als Genozid zu werten

Dank der Öffnung der sowjetischen Archive gelang es der Forschung, die Logik des lange als irrational geltenden Vernichtungsfeldzugs Stalins gegen die eigene Bevölkerung nachzuvollziehen. Dieser neuen Erkenntnisse bedient sich Norman M. Naimark in seinem Essay "Stalin und der Genozid", um die stalinistischen Verbrechen - Entkulakisierung, Holodomor, Deportationen der Minderheiten und den Großen Terror 1937 - auf ihre "Genozidtauglichkeit" im völkerrechtlichen Sinn zu überprüfen.


Mehr bei der Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ...

Link:
BBcode:
HTML:
Verstecke direkte Links zum Beitrag
Zeige direkte Links zum Beitrag


Benutzeravatar
mbert
Ukraine-Kenner / досвідчений / опытный
Beiträge: 2135
Registriert: Mittwoch 27. Oktober 2010, 13:18
Wohnort: Hamburg
    unknown unknown
Bildschirmauflösung: 1680x1050
Hat sich bedankt: 1766 Mal
Danksagung erhalten: 1373 Mal
Deutschland

Re: Völkermörder Stalin?

#2 Beitragvon mbert » Samstag 22. Januar 2011, 21:52

Handrij hat geschrieben:
Norman Naimark plädiert dafür, die sowjetischen Massenmorde als Genozid zu werten


Das ist ein wirklich interessanter und vielschichtiger Kommentar. Hierbei finde ich die Argumentation Naimarks sehr interessant - "Worin besteht der Unterschied, wenn es um Menschenleben geht?".

Tatsächlich ist Stalin zweifellos einer der schlimmsten Massenmörder des 20en Jahrhunderts, auch wenn die übliche "gebriefte" Argumentation von heutigen Kommunisten oder seit einiger Zeit auch von vielen Russen Stalins Grausamkeiten durch die besonderen Umstände durch den Aufbau des sozialistischen Systems und den Krieg mit Deutschland rechtfertigt und die Meinung vertritt, dass aufgrund "weniger niederer Motivation" Stalin und Hitler nicht gleichzusetzen seien.

In dem Diskurs um den Genozid-Begriff geht es aber eigentlich viel mehr um Begrifflichkeiten. Wenn unbestritten ist, dass Stalin ein Massenmörder ist (meine eigene Formulierung, kein Zitat!), ist er auch ein Völkermörder?

Der Journalist argumentiert nun in zwei Richtungen: eine Erweiterung des Genozidbegriffs wird nicht im UN-Sicherheitsrat durchsetzbar sein, weil Russland es nicht zulassen wird; außerdem - und das ist der interessante Aspekt - eine Opferrolle für die Ukraine (oder andere Opfer des Stalin-Regimes) nützt dem Opfer nicht, es steht eher im Wege, und, wie kürzlich von Erhard Eppler in [1] so treffend festgestellt, ist ein Selbstverständnis, das auf einer Opferrolle basiert, erfahrungsgemäß nur schwer friedensfähig.

Ich glaube (und hier verlasse ich den Kontext des Artikels), dass der Völkermord-Begriff tatsächlich nicht entscheidend ist. Wichtiger ist es, derartigen Massenmördern einen ihnen angemessenen Platz in der Geschichte zu geben und ihre Verbrechen nicht zu beschönigen oder zu verschweigen. Ob sich die Aggression gegen Völker oder gegen soziale Gruppen, reale oder eingebildete Klassenfeinde oder was auch immer richtet, sollte hier nicht zu einer künstlichen Unterscheidung oder Abstufung der Verbrechen im Vergleich mit anderen benutzt werden.

Ich finde es schade, dass Russland sich so schwer tut, Stalins Verbrechen historisch angemessen zu würdigen. Eigentlich hätte in den 90er Jahren eine große Chance bestanden, sich im Rahmen des Übergangs von einer kommunistischen und atheistischen zurück zu einer christlichen und der Tradition des alten Russland verbundenen Nation vom Ballast dieser Vergangenheit zu befreien, indem man sich klar von den Verbrechen der СССР distanziert hätte. Dies ist leider damals nur in Ansätzen geschehen und in Folge Stück für Stück wieder aufgehoben worden, bis man heute Stalin wieder als einen der größten Söhne des Landes betrachtet (man stelle sich mal vor, in Deutschland würde Hitler zu einem der größten Deutschen gewählt, oder die NPD würde in Dresden ein Hitler-Monument aufstellen!).

Ich hoffe, es ist trotz der gegenwärtigen Haltung Russlands möglich, dass den Opfern von damals eine historische Würdigung zuteil wird (freilich ohne dass eine "Opferrolle" im Sinne der oben genannten Aspekte entsteht) und ein Dialog ensteht im Geiste jenes berühmten Satzes: "Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung".

[1] Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ...
Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken!

Link:
BBcode:
HTML:
Verstecke direkte Links zum Beitrag
Zeige direkte Links zum Beitrag


Zurück zu „Kultur, Religion und Geschichte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste