Politik | Wenn die Sprache des Nachbarn nervt

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Ukraine

Wenn die Sprache des Nachbarn nervt

#1 Beitragvon Handrij » Dienstag 10. Oktober 2017, 17:42

Die Ukraine schränkt den Schulunterricht in Minderheitensprachen ein – und giesst damit Öl ins Feuer des alten Sprachenstreits. Nicht nur die Russischsprecher fürchten sich vor Unterdrückung.


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mbert
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Re: Wenn die Sprache des Nachbarn nervt

#2 Beitragvon mbert » Dienstag 10. Oktober 2017, 19:31

Ich habe hierzu einen Leserbrief an die NZZ geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

üblicherweise ist ja die NZZ immer dann, wenn es um das Thema “Ukraine” geht, sehr genau und auf den Punkt. Leider enthält dieser Text einige Ungenauigkeiten bzw. sogar Fehlangaben, dich ich gern im Folgenden richtigstellen möchte.

Es heißt: "Rund 40 Prozent der Ukrainer lernen Russisch als Muttersprache." Das ist in verschiedener Hinsicht falsch. Da in der Ukraine heute in vielen Lebensbereichen die russische Sprache auch von eigentlich ukrainischsprachigen Ukrainern verwendet wird, müsste es richtig heißen "Rund ... Prozent der Ukrainer lernen vor dem Ukrainischen die russische Sprache”. Dieser Unterschied zwischen Mutter- und vorwiegend verwendeter Sprache ist gerade aufgrund der kolonialen Vergangenheit der Ukraine und der daraus resultierenden Sprachsituation signifikant und sollte nicht unerwähnt bleiben.

Weiterhin bleibt im Unklaren, woher die genannte Zahl kommt. Aus dem Census von 2001 (Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ...) geht hervor, dass damals 29.6% der Einwohner Russisch als "Muttersprache" angaben. Diese Zahl dürfte heute weit niedriger liegen, und das selbe kann auch für die überwiegende Verwendung der russischen Sprache angenommen werden, d.h., selbst die dürfte mittlerweile unter die 40% gesunken sein. Hier wäre eine Quellenangabe und eine Kennzeichnung der genauen Fragestellung, auf die sich die jeweils verwendeten Statistiken beziehen, notwendig.

Warum diese Unterscheidungen für die getroffenen Schlussfolgerungen von Wichtigkeit sind, möchte ich mit Fokus auf den Begriff der “überwiegenden Verwendung” der russischen Sprache gern im folgenden etwas ausführlicher, als das im Artikel anklang, erläutern.

Im Osten der Ukraine ist ja der prozentuale Anteil von Russischsprechern besonders hoch. Hier sind die statistischen Werten vor allem den Städten zu verdanken, wo sich noch zu Zarenzeiten in größeren Zahlen Fabrikarbeiter aus Russland ansiedelten, um in der neu geschaffenen Industrie des Ostens (etwa Stahlindustrie) zu arbeiten. Die vorwiegend auf dem Land lebende ukrainische Bevölkerung brachte oft nicht die notwendige Qualifikation mit. Einher hiermit ging die auch im restlichen Reich stattfindende allmähliche Russifizierung, die durch die Notwendigkeit, für eine Karriere im Reich die russische Identität zu übernehmen, begünstigt war. Die Landbevölkerung blieb von dieser demographischen Veränderung zunächst unberührt, bis bei der großen durch Stalin herbeigeführten Hungersnot der frühen 1930er Jahre ganze Landstriche entvölkert waren und dann teilweise durch Landbevölkerung aus Russland neu besiedelt wurden. Dennoch bleibt selbst der von manchen als “rein russisch” betrachtete Donbas faktisch zweisprachig: auf dem Land dominiert die ukrainische, in den Städten (mit der natürlich höheren Einwohnerzahl) die russische Sprache. Prominente Vertreter der nach wie vor ukrainischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine sind beispielsweise der frühere Präsident Viktor Juschtschenko und der Schriftsteller Serhij Zhadan.

Während bei der obigen Betrachtung die Statistik noch recht “eindeutig” ist, ändert sich das, wenn man sich die Situation in der Zentralukraine ansieht. Die bereits erwähnte allmähliche Russifzierung fand auch hier statt, gleichzeitig kam es zu einer nicht demographischen, aber doch faktischen Russifzierung der zentralukrainischen Städte von der Klein- bist zur Hauptstadt: da die Verwaltung, hohe Beamte und Teile des lokalen Staatsapparat aus vorwiegend aus Russen und russifizierten Ukrainern bestand, wechselte die Umgangssprache von vorwiegend ukrainisch noch im 19. Jahrhundert zu vorwiegend russisch ab dem 20. Jahrhundert. Das ist der Fall, obwohl die lokale Bevölkerung in der überwältigenden Mehrheit ukrainischsprachig ist. Folglich ist in solchen Gebieten die vorwiegend verwendete Sprache russisch - bei der Arbeit, beim Einkaufen bis hin zu Gesprächen auf der Straße - obwohl die Muttersprache ukrainisch ist und z.B. im Kreis der Familie nach wie vor gesprochen wird. Hier wird deutlich, warum diese Begrifflichkeiten in der Betrachtung der Sprachsituation des ganzen Landes sehr wichtig sind.

Wenn wir also von einer (hier nicht genau bekannten) Zahl “vorwiegend Russischsprachiger” ausgehen, folgt daraus keineswegs zwingend, dass diese überhaupt ein Interesse an einer institutionalisierten Russifzierung ihrer direkten Umgebung (etwa durch russische Schulen) haben müssen. Tatsächlich zieht sich die Linie zwischen Fürsprechern und Kritikern einer staatlich geförderten Ausweitung der Verwendung der ukrainischen Sprache bei näherer Betrachtung mitten durch die Lager der vorwiegenden Benutzung der einen oder anderen Sprache, und es herrscht selbst im Lager derer, die auch zu hause russisch sprechen, durchaus nicht die einhellige Ansicht, dass ihre Sprache irgendwie gefährdet sei.

Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Sicher spielt Russlands Krieg gegen die Ukraine eine Rolle, der ideologisch auch durch eine Instrumentalisierung der Sprache begründet wird: wer russisch spricht, hat auch eine irgendwie russische Identität - dem widersprechen viele russophone Ukrainer vehement.

Ein anderer Aspekt ist die für Menschen, die das Land nicht von innen kennen, schwer vorstellbare faktische Dominanz des Russischen im öffentlichen Leben. Das beginnt natürlich mit der o.g. Russifzierung vor allem der Städte, und es setzt sich fort durch die Medienlandschaft: Tageszeitungen und Journale sind mehrheitlich landesweit ausschließlich in russischer Sprache erhältlich. Bücher ausländischer Autoren werden oft nur ins Russische, nicht aber ins Ukrainische übersetzt. Im Radio hört an vorwiegend Musik in russischer Sprache, und im Fernsehen sind die meisten Filme russisch, nicht aber ukrainisch synchronisiert.

Dies führt dazu, dass unabhängig von der jeweils selber vorwiegend verwendeten Sprache viele Menschen in der Ukraine keine Notwendigkeit sehen, die russische Sprache zu stärken und gleichzeitig keine Gefahr, dass sie verschwände oder auch nur benachteiligt sei, wenn ihre Bedeutung bei staatlichen Institutionen (wie eben in Schulen) zurückgenommen würde.

Letztlich ist die Kontroverse über das neue Bildungsgesetz im Ausland weit größer als innerhalb der Ukraine, wo die Menschen mit großer Gelassenheit die drei großen Sprachen - Ukrainisch, Russisch und Surzhyk (eine Mischsprache mit vorwiegend ukrainischer Basis und russischer Phonetik) - sprechen, verstehen und, wo es nötig ist, ignorieren. Da zu erwarten war, dass vor allem das nationalpopulistisch regierte Ungarn und Russland diese Initiative in ihrem Sinne auszunutzen versuchen würden, ist die ukrainische Regierung den Weg gegangen, das Gesetzesvorhaben Anfang September dem Europarat zur Prüfung vorzulegen.

Leider führt fehlendes Wissen und die auf den ersten Blick plausibel wirkende Darstellung russlandnaher Veröffentlichungen dazu, dass bereits eine ganze Reihe westlicher Medien ohne nähere Kenntnis des Sachverhalts diese Sichtweise übernommen haben.

Diesen Vorwurf will ich der NZZ sicher nicht machen. Aber der - ja durchaus wohlwollend formulierte - Artikel hier bleibt leider so oberflächlich, dass die eingangs erwähnte Ungenauigkeit im Umgang mit den Begriffen zu irreführenden Schlüssen führen kann.

Nachtrag: ich bin später noch auf diese etwas aktuellere Statistik gestoßen, die meine oben getroffenen Annahmen bestätigt: Nur eingeloggte Mitglieder sehen alle Links ...
Es genügt nicht, nur keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken!

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lutwin52
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Re: Wenn die Sprache des Nachbarn nervt

#3 Beitragvon lutwin52 » Samstag 14. Oktober 2017, 17:05

@mbert - Ohne irgend einen Anspruch auf wissenschaftliche Untersuchungen oder mich auf Sonstiges zu berufen ein praktisches Beispiel. Mit meiner ukrainischen Frau lebe ich seit 10 Jahren in Deutschland. Wir sprechen russisch. Anfangs hatte ich keine Ahnung was ihre Muttersprache ist. Wenn sie mit ihrem jüngsten Sohn sprach verstand ich das meiste nicht. Heute kann ich etwas unterscheiden. Also meine Frau sagt, dass Ukrainisch ihre Muttersprache ist. Das ist es mit Sicherheit nicht. Jüngste Erfahrung in einem Supermarkt in Kiew: Sie wollte Obst kaufen. Alles in ukrainisch beschriftet, aber nicht an den Schälchen sondern weiter weg an einer Leiste. Somit hatte man keinen direkten Bezug. Zu meiner Überraschung verstand sie nicht alles und musste fragen. Russisch ist aber auch nicht ihre Muttersprache. Da fehlen ihr auch Vokabeln, was mich auch verwundert. Aus meiner Sicht spricht sie besser russisch als ukrainisch. Was zu beweisen wäre. Ich kann das nur vermuten.

Sie kommt aus Krivoy Rog. Ihr Jüngster lebt noch dort, spricht aber sauber russisch, wie ihre beiden anderen Söhne. Der Jüngste ist 37, meine Frau 63. Meine Frau spricht mit ihm wahrschainlich ihre Muttersprache: nämlich Surschik. Er spricht es nicht, ukrainisch hasst er. Eine schreckliche Sprache, dieses Surschik, wenn man nur russisch kennt. Mein russisch ist einigermaßen, kann mich verständigen, verstehe aber bei weitem nicht alles.

Der Älteste (43) lebt seit 20 Jahren in Kiew. Er erzählte mir, dass er aus beruflichen Gründen ukrainisch lernen musste. Er musste immer auf russchisch denken und dann im Kopf auf ukrainisch übersetzen. Das fiel ihm schwer. Seine Frau ist 30, spricht russisch. Die Kinder 6 und 4 sprechen natürlich auch russisch. Ich kenne sie seit sie geboren sind. Der große ist jetzt in die Schule gekommen. Mit ukrainisch tut er sich schwer, liebt englisch.

Meine Meinung: Bei den Kindern, sie waren ja noch in der UdSSR in der Schule, der jüngste bis 11, ist die Muttersprache mit Sicherheit russisch. Und selbst bei den kleinen Enkeln bin ich der Meinung, dass es bei ihnen auch russisch ist. Es ist ja die Sprache, mit der sie aufwachsen.

LG lutwin52

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Anuleb
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Re: Wenn die Sprache des Nachbarn nervt

#4 Beitragvon Anuleb » Sonntag 22. Oktober 2017, 03:08

Es ist in meinen Augen nur mehr als logisch, dass in einem Staat die Landessprache gesprochen und in der Schule gelernt wird. Die russische Sprache wird in den ehemaligen Sovjetrepubliken jedoch gerne instrumentalisiert. Alleine nur das Ansinnen, von dem russischsprachigen Teil der Bevölkerung zu erwarten, dass diese die Landessprache erlernen, wird als Affront und Zeichen der Unterdrückung der russischen, ehedem herrschenden, Minderheit gewertet. Das war in den baltischen Staaten so, in Georgien ebenfalls, und ist natürlich auch in der Ukraine so.

In meiner Familie ist es ebenfalls so, dass unsere russischsprachigen Familienmitglieder das Ukrainische eher als primitive Bauernsprache empfinden. Sie wollen aber andererseits auch weitestgehend nichts mehr mit Russland zu tun haben, und ein möglichst selbstständiges Leben in der Ukraine führen. Ergo haben die sich, wenn auch mit Widerwillen, mit der ukrainischen Sprache soweit auseinandergesetzt, sodass es immerhin möglich ist, den Alltag halbwegs vernünftig auf Ukrainisch zu bestreiten. Altersbedingt werden die es sowieso nicht mehr schaffen, die ukrainische Sprache perfekt zu beherrschen.

Und wenn sich da ein paar Ukrainer darüber beschweren, dass da einige Leute in ausländische, das schliesst das russische mit ein, Sprachen nutzen, dann sollte man dieses nicht zu hoch hängen. Ich benutze nun mal den Kunstgriff der russischen Propagandaindustrie, und relativiere etwas: Auch in anderen Ländern, wie z. B. Deutschland, soll es vorkommen, dass sich Einheimische über Ausländer beschweren oder gar hetzen.

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